Trauerfeier für „Geier“ Hannes zwischen Billards

Das hat es in der 100jährigen Geschichte des wohl erfolgreichsten Bochumer Sportvereins mit großer Sicherheit noch nicht gegeben: Da stand am 26. September beim DBC Bochum eine Stele mit einer Urne zwischen den großen Billardtischen, auf denen schon sehr viele Deutsche Billard-Mannschaftsmeisterschaften gewonnen wurden. Der Verein hatte eingeladen zur Trauerfeier von Johannes „Hannes“ Stappert, der seit über 50 Jahren Mitglied des DBC war – und als Teil der legendären Bochumer Band „Geier Sturzflug“ ein „Mit-Star“ der Neuen Deutschen Welle.

Dass Stappert ausgerechnet am 1. August starb, als der DBC seinen 100. Geburtstag feierte, war besonders tragisch. Er hatte wegen einer Erkrankung abgesagt und deshalb vermisste ihn an diesem Tag niemand. Erst am 11. August erfuhr man, dass er verstorben war. Weil es keine Angehörigen gab, hatte die Stadt Bochum bereits eine anonyme Bestattung in Auftrag gegeben.

Da hat sich dann ein Freundes-Trio massiv eingeschaltet. „Es war uns wichtig“, so Finn Marie Möller, Timo Meisener und Christian Breitkreuz, „dass Hannes würdig bestattet wird.“ Mit ihrer Intervention und einem Internet-Spendenaufruf haben sie dafür gesorgt, dass die anonyme Bestattung gestoppt und Hannes auf dem nahe gelegenen Weitmarer Friedhof von Bestatter Friedrich Strunk zu Grabe getragen werden konnte. Strunk sponserte die Aktion.

Dass Hannes Stappert, in Bochum bekannt durch seinen weißen Rauschebart und seinen schwarzen Hut, den er beim Billardspielen nie ablegte, von 1979 bis 1986 Tontechniker und Teil von „Geier Sturzflug“ war, wussten viele. Er begleitete die „Geier“ in den erfolgreichen Jahren der Neuen Deutschen Welle von 1979 bis 1986. Trotzdem war es eine Überraschung, das Saxophonist Klaus Fiehe mit seiner Frau zur Trauerfeier erschien und auch die Grüße des „Geier“-Gründers Friedel Geratsch überbrachte. Michael Volkmann, ein weiterer „Geier“, hatte abgesagt.

„Das Grab“, verspricht Timo Meisener, „bekommt noch einen Stein. Den verbleibenden Rest aus der erfolgreichen Spendenaktion werden wir im Namen von Hannes an einen wohltätigen Zweck überweisen.“

Hier findet ihr die Trauerrede von Timo

Liebe Freunde, Vereinskameradinnen und Vereinskameraden, liebe Weggefährten,

wir sind heute hier, um Abschied zu nehmen von Johannes Stappert oder wie die meisten von uns ihn sicher kannten, einfach nur: „Hannes“.

Und wenn man an Hannes denkt, hat man ziemlich schnell ein ganz bestimmtes Bild im Kopf: Sein Hut, den er nie abgelegt hat, aber – wie es sich gehört – bei einer Begrüßung ein Stück anhob, sein grauer Vollbart, seine Ringe und seine ganz eigene besondere Art. Hannes war jemand, den man erkannte. Jemand, der auffiel. Nicht nur wegen seines Äußeren. Denn vor allem war Hannes jemand, der Geschichten erzählte und jemand, über den man Geschichten erzählen kann. Und dies im besten, positiven Sinne.

Und von diesen Geschichten gibt es viele. Uns am geläufigsten sind natürlich die vom Billard und diese Geschichte begann schon 1976. Damals fanden die Deutschen Meisterschaften in der Theodor-Körner-Schule in Bochum-Dahlhausen statt. Hannes war neugierig, schaute sich das Ganze an und war fasziniert davon, wie nah man den großen Spielern dort kommen konnte. Wenige Tage später ging er selbst in die Billardräume – und unser lieber Paul kam direkt mit einer Beitrittserklärung auf ihn zu.

So begann eine Verbindung, die ihn über Jahrzehnte begleiten sollte und die, wie mir viele Freunde von Hannes berichteten, eine Wesentliche von ihm war.

Der Spaß stand für Hannes beim Billard immer im Vordergrund. Vielleicht ist genau das etwas, das gut zu ihm passt.

Vor allem unser traditionelles Ostereierturnier hat Hannes immer sehr genossen. Dort gab es Kaffee und Kuchen und danach wurde Billard gespielt. Beides liebte Hannes sehr, wenn am Ende des Tages Kuchen übrig blieb, freute sich Hannes, wenn er noch etwas mit nach Hause nehmen konnte. Wie er mal zu Finn an den Tagen vor einem solchen Turnier schrieb, freue er sich sehr auf die gekochten Eier, die es beim Turnier zu gewinnen gab. Aber noch mehr freue er sich auf die, die in den zahlreichen Kuchen verarbeitet sind.

Hannes ging es beim Billard auch nicht um den Sieg. Es musste auch nicht alles perfekt sein. Es ging darum, dabei zu sein, zu spielen, Menschen zu treffen, Spaß zu haben und miteinander eine gute Zeit zu verbringen. Um so mehr freute er sich, auf die aktuelle Saison, die Ende August startete und zu der er dann leider doch nicht mehr antreten sollte.

Und eine Geschichte, war immer etwas ganz Besonderes für Hannes: Eine Partie, über die noch lange gesprochen wurde und über die auch Hannes noch oft sprach: 20 Punkte in nur 18 Aufnahmen. Hannes selbst konnte kaum erklären, wie ihm das gelungen war. Er sagte sinngemäß, es sei gewesen, als hätten sich plötzlich all die kleinen Steinchen aus vielen Jahren Training zu einem Mosaik zusammengesetzt.

Wie Magie.

Vielleicht ist das heute auch ein schönes Bild für sein Leben. Denn Hannes leben war vor allem eins: Fassettenreich. Von München bis Bochum, vom Billard, über die Musik, bis hin zum Taxi fahren. Taxi-Hannes: Man wurde freundlich begrüßt, bekam ein Bonbon angeboten. Man fühlte sich wohl. Zeit mit Hannes zu verbringen war einfach immer ein positives Erlebnis.

Ein weiter großer Teil seines Lebens war auch die Musik.

Hannes arbeitete als Tontechniker. Zunächst tourte er mit der irischen Band „Wild Gees“ durch Europa und verbrachte eine Zeit in Irland. Später arbeitete er bei jener Band als Tontechniker, die als Geier Sturzflug bekannt wurde.

Hannes war dabei nicht derjenige, der vorne auf der Bühne stand. Er war selten der, der in der ersten Reihe stand. Er war derjenige, der im Hintergrund dafür sorgte, dass vorne alles funktioniert.

Und irgendwie passt auch das sehr gut zu ihm.

Er war einfach da. Er gehörte dazu. Und wenn ein Mensch über Jahrzehnte zu einem Ort gehört, dann merkt man oft erst dann, was er bedeutet hat, wenn sein Platz plötzlich leer bleibt. So ist es bei Hannes nicht: Denn jeder der ihn kennt, weiß, was Hannes bedeutet hat. Aber eines Stimmt sicherlich: Sein Verlust wird jetzt richtig merkbar, da sein Platz leer bleibt.

Und auch etwas weiteres weiß jeder, der Hannes kannte. Er war ein Nachtmensch. Er fuhr viele Jahre Taxi. Sein Rhythmus war eben ein anderer als der, der meisten Menschen. Wenn andere längst ins Bett gingen, fing für ihn der Tag oft erst richtig an.

Das konnte man auch im Verein merken. Wenn die letzten Billardspieler schon gegangen waren, war Hannes noch da. Und auch ich habe mit ihm viele nächtliche Freitagsabend-Sessions hier im Verein verbracht. Nicht mit größtem Erfolg, aber immerhin mit etwas Ehrgeiz und jeder Menge Spaß. Und irgendwann kam auch Finn dazu. Einmal zufällig und ganz verwundert, am Freitag spätabends überhaupt noch jemanden hier im Saal anzutreffen. Ab dann gesellte auch sie sich häufiger zu unseren Trainingseinheiten dazu.

Und so Mancher von uns kennt sicher genau diese Geschichten: nachts noch jemanden einsammeln, noch jemanden nach Hause bringen oder irgendwann morgens mit Brötchen auftauchen. Bei Hannes konnte es eben passieren, dass fünf Uhr morgens nicht das Ende eines Abends, sondern einfach eine ganz normale Uhrzeit war.

Seit 2012 fuhr er kein Taxi mehr – dafür Harley. Seine weitere große Leidenschaft. Und auch dadurch war Hannes jemand, der auffiel, wenn er ankam. Man hörte ihn. Oft wahrscheinlich schon, bevor man ihn sah.

Und so manche können sicherlich noch zahlreiche weitere schöne Geschichten zu Hannes erzählen, Franz-Bernd, der mir erzählte, oft mit Hannes den Heiligen Abend verbracht zu haben oder auch Eva, der Hannes zuletzt noch ganz stolz erzählt hatte, wieder in der Mannschaft zu spielen.

Hannes hat eben überall seine Spuren hinterlassen. Und all das sind Dinge, die auf den ersten Blick vielleicht klein wirken. Aber genau aus solchen Dingen bestehen unsere Erinnerungen an Menschen und vor allem an Hannes. Nicht nur aus großen Ereignissen.

Sondern aus Geräuschen.

Aus Gewohnheiten.

Aus bestimmten Sätzen.

Aus Blicken.

Aus gemeinsamen Abenden.

Aus Fahrten.

Aus einer Partie Billard.

Und vor allem: Aus einem Hut.